Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenze aus dem Alltag gerissen, Angehörige getötet, Lebensgrundlagen zerstört und ganze Regionen traumatisiert. Die Auswirkungen unterscheiden sich in Ausmaß und Intensität deutlich zwischen der Ukraine als angegriffenem Land und Russland als Angreiferstaat, das inzwischen selbst zunehmend Kampfhandlungen im Grenzgebiet erlebt.
Ukraine: Leben im permanenten Ausnahmezustand
In der Ukraine trifft der Krieg die Zivilbevölkerung seit 2022 in nahezu allen Lebensbereichen – von der unmittelbaren Gefahr durch Beschuss bis zu langfristigen sozialen und psychischen Folgen.
- Nach UN‑Angaben wurden bis Ende 2025 knapp 15.000 ukrainische Zivilist*innen getötet und über 40.000 verletzt; andere Schätzungen zählen bis Februar 2025 bereits mehr als 12.700 Tote und knapp 30.000 Verletzte.
- Ballistische Raketen, Artillerie und Drohnenangriffe auf Wohngebiete haben vor allem 2024 und 2025 zu einem erneuten starken Anstieg ziviler Opfer geführt; einzelne Monate waren die tödlichsten seit Kriegsbeginn.
Viele Menschen leben seit Jahren mit Luftalarmen, Explosionen und der ständigen Ungewissheit, ob Schulen, Krankenhäuser, Einkaufszentren oder Wohnhäuser Ziel des nächsten Angriffs werden. Neben der physischen Gefahr führt diese Dauerbedrohung zu Angststörungen, Schlaflosigkeit und anderen psychischen Erkrankungen, die besonders Kinder und ältere Menschen treffen.
Flucht, Vertreibung und zerstörte Infrastruktur
Der Krieg hat eine der größten Fluchtbewegungen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst.
- Laut UNHCR haben bis März 2025 rund 47 Millionen Grenzübertritte aus der Ukraine in Nachbarländer stattgefunden; in Europa sind etwa 6,4 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine registriert.​
- Zusätzlich wurden allein in der Ukraine mehrere Millionen Menschen zu Binnenvertriebenen, die innerhalb des Landes immer wieder fliehen mussten, teilweise mehrfach.
Gleichzeitig sind über zwei Millionen Häuser beschädigt oder zerstört worden; Strom‑ und Wärmenetze, Wasserleitungen, Krankenhäuser, Schulen und Straßeninfrastruktur wurden in vielen Regionen schwer getroffen. Das bedeutet für Millionen Menschen unsichere oder überfüllte Unterkünfte, fehlende Heizung im Winter, eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung sowie eine hohe Abhängigkeit von humanitärer Hilfe.
Die wirtschaftlichen Folgen verstärken diese Notlage: Betriebe wurden zerstört, landwirtschaftliche Flächen vermint oder unzugänglich, und in vielen Regionen brach der Arbeitsmarkt praktisch zusammen. Für zahlreiche Familien ist ein normales Einkommen kaum erreichbar, sodass sie auf Sozialleistungen, Hilfsorganisationen oder Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sind.
Traumata und gesellschaftliche Folgen in der Ukraine
Neben der materiellen Zerstörung hinterlässt der Krieg tiefgreifende seelische Spuren.
- Viele Ukrainerinnen haben Angehörige, Freunde oder Kolleginnen durch Angriffe verloren oder müssen mit schweren Verletzungen, Amputationen und Behinderungen im familiären Umfeld umgehen.
- Kinder wachsen mit Sirenen, Bombenkellern und häufigen Schulunterbrechungen auf; Unterricht findet vielerorts online oder in Schutzräumen statt, was Bildungschancen einschränkt und soziale Entwicklung erschwert.
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist von akuten und langfristigen Traumata betroffen, die sich in Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Suchtproblemen äußern können. Gleichzeitig zeigt die Gesellschaft eine starke Mobilisierung: Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe und zivilgesellschaftliche Initiativen versuchen, Lücken in Versorgung, psychosozialer Unterstützung und Integration von Vertriebenen zu schließen.
Russland: Zivilbevölkerung zwischen Propaganda und wachsender Kriegsnähe
In Russland sind die direkten Auswirkungen des Krieges auf Zivilist*innen deutlich geringer als in der Ukraine, aber sie nehmen zu – besonders in den Grenzregionen und durch politische Repression im Landesinneren.
- Die russische Zivilbevölkerung war lange vor allem indirekt betroffen: durch Gefallene und Verletzte in den Streitkräften, wirtschaftliche Sanktionen, Preissteigerungen und eingeschränkte Reisemöglichkeiten.
- Staatliche Medien zeichnen überwiegend ein propagandistisches Bild des Krieges, was viele Menschen von unabhängigen Informationen abschneidet und öffentliche Debatten über das tatsächliche Ausmaß des Leidens in der Ukraine erschwert.
Wer den Krieg offen kritisiert, mit unabhängigen Medien zusammenarbeitet oder gegen die Mobilmachung protestiert, läuft Gefahr, strafrechtlich verfolgt zu werden. Diese Repression erzeugt Angst und führt dazu, dass viele Menschen sich aus öffentlicher Kritik zurückziehen oder das Land verlassen.​
Grenzgebiete in Russland: Beschuss, Evakuierungen und Unsicherheit
Seit ukrainische Angriffe auch russisches Grenzgebiet treffen, hat sich die Lage insbesondere in Regionen wie Belgorod und Kursk verändert.
- In der Stadt Belgorod kam es zu Angriffen, bei denen Dutzende Zivilist*innen getötet und über hundert verletzt wurden – der schwerste dokumentierte Verlust in einer russischen Großstadt seit Kriegsbeginn.​
- In der Region Kursk mussten nach russischen Angaben wegen ukrainischer Vorstöße etwa 120.000 Menschen ihre Dörfer verlassen; zahlreiche Ortschaften gerieten unter Beschuss oder in unmittelbare Kampfzonen.​
Für die Bevölkerung dieser Gebiete bedeutet das Luftalarm, beschädigte Häuser, Evakuierungen in Notunterkünfte und große Unsicherheit über die Zukunft ihrer Heimatorte. Hinzu kommen Vorwürfe schlecht organisierter Evakuierungen und unzureichender staatlicher Hilfe, die das Vertrauen in die Behörden belasten.
Vergleich: Asymmetrische Betroffenheit – gemeinsames menschliches Leid
Obwohl Menschen in Russland und in der Ukraine unter dem Krieg leiden, ist die Betroffenheit asymmetrisch: Die Ukraine trägt als angegriffenes Land den überwiegenden Teil der Zerstörung, der Toten, der Verletzten und der Fluchtbewegungen. Russland erlebt bislang vor allem indirekte Folgen sowie lokal konzentrierte Zerstörung in Grenzregionen, während große Teile des Landes weit entfernt von Kampfhandlungen bleiben.
Für beide Gesellschaften gilt jedoch, dass der Krieg Familien spaltet, Vertrauen in die Zukunft untergräbt und tiefe Risse in das soziale Gefüge schlägt. In der Ukraine geht es dabei um das schiere Überleben von Menschen und Staat; in Russland steht zusätzlich die Frage im Raum, wie eine Gesellschaft mit einem Krieg umgehen wird, der offiziell „Spezialoperation“ heißt, aber zunehmend in den Alltag der Zivilbevölkerung durchschlägt.
